BACKBONE #008 – Deutschland vs. Polen: Mindset, Tempo und Zusammenarbeit mit Jasmin & Matti
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Jetzt möchte ich gerne die europäische Kollaboration ein bisschen mehr in der Praxis betrachten und begrüße dafür ganz herzlich unseren Maciej Kawiecki, den wir in Berlin alle nur den Matti nennen und freue mich sehr. Der Matti ist Business Developer in Berlin und egal auf welches Event ich gehe, egal ob es ein Startup Event ist oder von der EHK, er ist garantiert schon da. Und wer von Ihnen in Berlin unterwegs ist, kennt das.
Insofern stell dich doch selber nochmal vor. Ein paar Leute haben mir gesagt, ich bin schwierig zu meiden. Ist das ein Kompliment? Je nachdem.
Also ich komme ursprünglich aus Breslau, aus einer schlesischen Familie. Und ein Teil meiner Familie ist halt entweder vor den Weltkriegen aus Schlesien abgehangen oder sind später als Siedler gekommen. Aber meine Oma kehrte zurück nach Oberschlesien.
(1:08 - 1:24)
Ich habe polnischen Pass. Und als Breslauer habe ich dann in Sachsen studiert, Elektrotechnik. Und ich war Einkäufer bei Siemens Niederschallspannungsanlagen, also 6300 Ampere.
(1:25 - 1:54)
Mit Elektronik nicht so viel am Hut. Und dann war ich zurück in Breslau. Ich bin mehrfacher Gründer und habe dann gemerkt, die meisten Ingenieure, die hassen, verkaufen, vernetzen und irgendwie Geld verdienen.
Und ich dachte mir, an der Schnittstelle zwischen Technik und Business kann ich vielleicht was bewegen. Mein Vater hat was ähnliches gemacht. Und ich war dann 10 Jahre zurück in Breslau.
(1:54 - 2:33)
Und dann, meine Ex kommt wiederum aus Sachsen. Und dann sind wir von Breslau nach Leipzig gekommen. Und dann 2014 von Leipzig nach Berlin.
Und in Berlin bin ich jetzt zwölf Jahre. Aber arbeite hauptsächlich mit Skandinavien zurück. Also halb Schweden, Finnland, Estland, ein paar polnische Projekte.
Und du musst mich mehr guiden. Ja, zum Einsteigen war das schon mal super. Genau, du hast den Bogen zurückgefunden.
(2:33 - 3:16)
Du hast gesagt, ein paar polnische Projekte. Was charakterisiert denn aus deiner Sicht die größten Unterschiede zwischen dem deutschen und dem polnischen Mindset, wenn du mal auf diese Projekte zurückblickst? Die Polen, also ich sage manchmal die Polen, weil ich bin irgendwie so dazwischen ein bisschen. Und in Polen sagt man den Witz, wenn man eine perfekte Lösung will und zwei Jahre Zeit hat, gibt man das nach Deutschland.
Aber wenn man das nächste Woche braucht, dann macht man das lieber in Polen. Ist das dann auch noch perfekt? Das muss nicht perfekt sein, aber das kann als erster Schritt funktionieren. Also die Polen sind ein bisschen agiler und die denken auch viel kurzfristiger.
(3:18 - 3:42)
Und eigentlich nicht nur die Polen, aber auch zum Beispiel Skandinavier, Esten, alle klagen, dass vieles in Deutschland so langsam passiert. Weil von meiner Erfahrung her braucht man mindestens ein, zwei Jahre in Deutschland, bis man was in Bewegung setzt. Zum Beispiel, ich hatte ein Projekt und dann brauchten wir von einer polnischen Firma eine Tochterfirma in Stockholm.
(3:43 - 3:58)
Und das kam am Freitag und am Montag sagten die Geschäftsführer, okay, machen wir. So etwas in Deutschland passiert eher selten. Ich müsste jetzt leider einfach mal zustimmen.
(3:58 - 4:30)
Deswegen wäre meine nächste Frage, was glaubst du, wie man genau diese Unterschiede, die du eigentlich mit diesem Ausspruch, wenn du zwei Jahre Zeit hast und es perfekt werden soll, geh nach Deutschland, ansonsten bleib doch lieber in Polen, sehr schön auf den Punkt gebracht hast. Wie können wir das nutzen? Also ich würde zum Beispiel, weil aus meiner deutschen Sicht oder eingedeutschten Sicht, sind die Polen schlechter in Planung. Ich würde halt so Durchgämme statt Teams machen, weil jetzt bin ich bei einer Deep Deck Firma hier, ist ein Spinner von der TU in Berlin.
(4:31 - 4:54)
Und wir reden halt mit öffentlichen Kunden. Also halt, ja, rufen Sie uns in 30 Jahren mal an, ungefähr. Und ich würde so Durchgämme statt Teams machen, halt den deutschen Part mehr so Planung und langfristige Strategie und das schnelle Prototyping mehr auf der polnischen Seite.
(4:54 - 5:08)
Also ich bin so der Systembauer. Das ist gut, das wäre nämlich meine nächste Frage gewesen, die das noch so ein bisschen vertieft. Welche Bedeutung der deutsch-polnische Wirtschaftsraum für dich hat? Du hast gerade schon gesagt, du bist Systembauer.
(5:09 - 5:32)
Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen? Also als Schlesier, also mein Leben spielt sich so im Reihen zwischen Berlin, Bresa, Berlin und Leipzig ab. Also halt so Sachsen, Berlin und Niederschlesien. Und es gibt, ich sehe, also vieles passiert zum Beispiel durch die AHK.
(5:33 - 5:54)
Aber die deutschen Firmen gucken meistens, ich glaube, Polen ist hier wichtigster Handelspartner von Berlin. Aber normalerweise gucken alle deutsche Firmen halt, was sie in Polen verkaufen können. Also es gibt nicht so viel Nachfrage oder es gibt nicht so viel Offenheit auf der deutschen Seite, halt auf Augenhöhe Projekte umzusetzen.
(5:55 - 6:46)
Und ich habe auch den Eindruck, obwohl Polen halt um die Ecke ist, nach Frankfurt fährt man eine Stunde, ist zwar nicht richtiges Polen auf der polnischen Seite, weil man muss tiefer ins Land, aber halt, dass die deutsche Seite viel weniger die polnische Seite kennt als umgekehrt. Und man lebt noch ganz voll in den Stereotypen von den 80ern oder so. Was fehlt dir denn, damit man genau dieses Mindset ein bisschen aufbrechen kann? Wie kann man die deutsch-polnische Kooperation zum Beispiel als Verein wie der FED oder als lockere Initiative fördern? Ich würde sagen, halt mehr Interesse auf der deutschen Seite, halt den östlichen Nachbarn kennenzulernen.
(6:47 - 7:29)
Ich bin jetzt regelmäßig in Warschau zum Beispiel, einmal im Monat bin ich in Warschau und es haben ganz viele Firmen gemerkt, die Sachen in Polen passieren viel schneller, weil die polnische Regierung gibt ganz viel Geld für Verteidigung aus, mit Drohnen, Elektronik und irgendwie Abwehr. Und die Deutschen haben jetzt mehr Interesse an polnische Märkte zu kommen, weil ansonsten die letzten Jahre war das mehr so Back-Office für die Produktion. Also halt die deutsche Firma hat eine Niederlassung in Polen aufgemacht und dann war es hauptsächlich so Senkung der Kosten, was teilweise noch stimmt, aber vieles hat sich ausgeglichen.
(7:31 - 7:43)
Geht das in die gute Richtung? Oder ist das die Antwort auf deine Frage? Ein Stück weit. Etwas konkreter vielleicht noch nachgefragt. Deutschland unter den von dir beschriebenen Bedingungen gründet.
(7:43 - 7:55)
Ein Deutscher in Polen, ein Pol in Deutschland möchte grenzübergreifend tätig werden. Was würdest du demjenigen raten? Nach Estland zu gehen. Okay, ich muss die Präsentation neu machen.
(7:56 - 8:08)
Normalerweise würde niemand, der normal ist, in Deutschland etwas gründen. Weil es gibt diesen Ruf der Bürokratie. Also theoretisch gründet man nur einmal.
(8:09 - 8:21)
Aber zum Beispiel aus meiner Sicht, es kommt jetzt eine Welle von polnischen Firmen. Oder die Polen haben das immer so gemacht. Polen haben immer schlechten Ruf in Deutschland.
(8:21 - 8:30)
Deswegen kaufen Polen deutsche Firmen auf und spielen, dass die dann deutsch sind. Und heißen dann Maciej und nicht mehr Maciej. Ja, ungefähr.
(8:31 - 8:43)
Oder zum Beispiel, es gibt eine Berliner Firma, die hat zwei Leute in Berlin und 100 Leute in Krakau. Die sagen aber, wir sind Berliner und wir haben ein paar Leute in Krakau rüber. Also halt, weil Polen sind mehr so Systemhacker.
(8:43 - 9:02)
Das hängt auch mit der Geschichte zusammen. Weil durch die Teilen Polens müssen, ich glaube, Südpolen, Galicien war auch österreichisch oder königlich-kaiserlich. Und deswegen haben viele gelernt, Systemregeln umzugehen.
(9:03 - 9:11)
Da reden wir später drüber. Also halt, Regeln in Polen werden immer als Empfehlungen gesehen. Sehr schön.
(9:13 - 9:33)
Ich würde sagen, eine deutsche Firma würde eher eine polnische Niederlassung gründen, um halt Produktion auszulagern oder Kosten zu senken. Und die polnischen Firmen würden eher so Frontend-Firmen aufbauen, um deutsch auszusehen, um halt den Markt zu bedienen. Vor diesem Hintergrund eine allerletzte Frage.
(9:33 - 9:54)
Was würdest du mit all dem Wissen über diese Mechanismen, die Unterschiede in den Mindsets, unserem hiesigen Auditorium raten? Wir sind hier knapp 100 Kilometer von Polen entfernt. Auch wenn wir gerade gelernt haben, es ist nicht das richtige Polen. Was würdest du unseren Leuten hier raten? Nicht nur nach Zubice zu fahren, sondern halt viel Industrie gibt es halt.
(9:55 - 10:08)
Die Musik spielt in Polen meistens in großen Städten. Also halt Warschau, Posen, Breslau, Krakau, Danzig oder Stettin. Stettin ist am nächsten, aber aus der polnischen Sicht ist Stettin ein bisschen abgelegen.
(10:09 - 10:28)
Und viele fahren nur nach Zubice, tanken oder irgendwie Zigaretten kaufen und denken, das ist Polen. Aber das ist eher so Fake-Polen, weil die Dynamik in Polen ist viel größer als hier. Und davon haben viele wenig Ahnung.
(10:28 - 10:48)
Ich glaube, der größte Unterschied ist, da die Wirtschaftslage eher schwach ist. Ich habe den Eindruck, die deutschen Firmen warten, bis das wieder gut ist. Aber wird das gut, wird das noch schlimmer? Kommt ein Krieg? Was wird mit dem Donald sein? Moment, Glaskugel.
(10:49 - 11:10)
Und dann viele Firmen, besonders in Skandinavien, Estland, Polen, die handeln schon jetzt. Also die warten nicht, die passen sich an. Und ich glaube, dieses Gap zwischen Deutschland, was mehr als Legacy-Land jetzt angesehen wird, zu den anderen Ländern, das wird eher größer als kleiner.
(11:11 - 11:21)
Super, vielen lieben Dank. Mein Bruder, der lebt in Breslau, arbeitet für eine Firma aus Madrid. Und wenn er hierher kommt, dann sagt er, wir leben wie die Amish hier.
(11:24 - 11:32)
Also digitalisierungstechnisch natürlich. Ja, ich habe auch schon häufiger gehört, Deutschland sei ein Entwicklungsland. Schicken wir die Fragen per Fax bitte.
(11:34 - 11:51)
Okay, also wenn Sie mehr wissen möchten über das wahre Polen und nicht über das Fake-Polen kurz hinter der Grenze, dann sprechen Sie ihn nachher einfach an. Ich bin so bashing per Default, hoffentlich wird es alles gut. Genau, lassen Sie sich individuell weiter bashen, weil wir haben heute noch zwei andere interessante Gesprächspartner.
(11:52 - 11:57)
Erstmal lieben Dank an Dich für diesen informativen Austausch. Und als nächstes...
